Ist bald jedes Kinder förderungsbedürftig – der schmale Grat der Normalität

Im Jahr 2006 wurden im Kanton Zürich je 100 Schüler 46 sonderpädagogische Massnahmen durchgeführt – heute kann man davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Kinder etwas salopp ausgedrückt, als therapiebedürftig, als nicht der Norm entsprechend eingestuft werden. Der einst breite Weg der als ”normal” angesehenen Entwicklung wird zunehmend zu einem schmalen Bergrat. Vor allem Knaben haben Mühe mit dem Hochseilakt und fallen in Scharen in die Therapieauffangnetze.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, muss man sich ernsthaft fragen, was zukünftig als ”normal” bezeichnet werden wird. Wenn die Mehrheit abnormal ist, wird dies dann die neue Normalität? Eltern, die für ihre Kinder keine geeignete Therapieform finden, werden dann schräg angeschaut und es wird gemunkelt, sie hätten einfach nicht sorgfältig genug nach motorischen, sprachlichen, mathematischen oder sozialen Defiziten gesucht. Eine ungemütliche Vorstellung, die viel aussagt über die Ängste, wegen denen Eltern ihre Kinder schon früh in ein starres Leistungs- und Entwicklungsmuster pressen, und schon bei geringen Abweichungen resolut einschreiten. Problematisch ist vor allem, dass man es nicht verantworten kann, nichts gegen allenfalls mögliche Fehlentwicklungen zu tun. Man will sich ja nicht später vorwerfen lassen müssen, nicht alles Menschenmögliche zum Wohl des Kindes getan zu haben.

Es soll hier nicht gegen die verbesserte Früherkennung und Betreuung von Kindern mit echten Entwicklungsdefiziten argumentiert werden. Hingegen soll kritisch hinterfragt werden, ob nicht vielleicht das Raster zu eng definiert wird und was dies über unsere Gesellschaft aussagt. Die Entwicklung spiegelt wohl die gestiegenen Ansprüche, die man an das eigene Leben und an das seiner Kinder stellt, um es als gelungen betrachten zu können. Perfektion wird angestrebt, für Misserfolge, körperliche und auch geistige Abweichungen von der Norm, ist in der modernen Welt wenig Platz und Verständnis vorhanden. Solche Imperfektionen gelten nicht als Ausdruck natürlicher menschlicher Unvollkommenheit, sondern eben als Therapieversagen oder fehlender Nachhilfe. Dabei ist eigentlich klar, dass längst nicht alle Misserfolge und Normabweichungen negativ sind. Fehler ermöglichen auch Lernprozesse und machen Menschen erst menschlich, nur Roboter und Computer sind vor ihnen sicher. Und wer möchte die Geschicke einer Firma oder eines Landes in die Hände von “perfekten” Managern und Politikern legen, die noch nie eine persönliche Niederlage erlebt haben und immer mit stets stolz geschwellter Brust von Erfolg zu Erfolg geeilt sind?

Quelle: Tagesanzeiger

Ähnliche Artikel:

One Response to Ist bald jedes Kinder förderungsbedürftig – der schmale Grat der Normalität
  1. Gesellschaft | bemerkenswertes
    January 9, 2011 | 10:18

    […] Ist bald jedes Kinder förderungsbedürftig – der schmale Grat der Normalität 16/09/10Kommentieren […]

Leave a Reply

Wanting to leave an <em>phasis on your comment?

Trackback URL https://www.bemerkenswertes.ch/gesellschaft/ist-bald-jedes-kinder-frderungsbedrftig-der-schmale-grat-der-normalitt/trackback/