Psychologie – korrumpierende Macht

Macht korrumpiert. Die Fehlleistungen vieler Reichen und Mächtigen, die der kritischen Presse regelmässig zu entnehmen sind, bestätigen diese These immer wieder. Anders als viele kleine erwischten Gauner und entgegen allgemeinem Rechtsempfinden scheinen aber die von weit oben Fallenden irritierend häufig keine Schuldgefühle zu haben. Dieses Phänomen wurde nun systematisch untersucht.

In der Studie wurden Teilnehmer gefragt wie moralisch verwerflich Urkundenfälschung sei. Je höher ihr Status, desto strenger urteilten die Befragten. Bei der gleichzeitigen stattfindenden Lotterie – mit bewusster Schummelmöglichkeiten – mogelten haben sie allerdings dann deutlich häufiger als die Teilnehmer mit niedrigem Status. Macht scheint also mit einer Diskrepanz zwischen der Selbstdarstellung, resp. -wahrnehmung und dem tatsächlichen Handeln einherzugehen. Ähnlich verhält es sich bei der Frage ob Geschwindigkeitsüberschreitung zur rechtzeitigen Erreichung eines wichtigen Termins gerechtfertigt sei. Die ”Mächtigen” finden die Regelverletzungen anderer deutlich verwerflicher als wenn sie selber zu schnell sind. ”Nicht Mächtige” beurteilen sich und andere identisch und insgesamt deutlich strenger. Dieser Befund erklärt wohl, warum Mächtige häufig wenig Schuldgefühle haben – sie fühlen sich simpel und einfach im Recht. Dies ändert sich nur, wenn die ”Mächtigen” fühlen, dass sie ungerechtfertigt mächtig sind. Dann sind sie sogar strenger zu sich, als Menschen mit höherem Status.

Dieses Experiment lässt sich dahin gehend interpretieren, dass Mächtige häufig und mit gutem Gewissen ihre Position ausnutzen und sich mehr Rechte nehmen, als sie den Untergebenen zugestehen. Schlimmer noch: die wissenschaftliche Untersuchung scheint nahezulegen, dass auch sehr integre und ehrliche Personen von der Macht korrumpiert werden können. In der Tat eine sehr pessimistische und beunruhigende Aussage, gleichermassen für Politiker, die – womöglich sogar mit Überzeugung – alles besser machen wollen, als ihre Vorgänger wie auch für ihre Wähler, die offensichtlich damit rechnen müssen, dass ihr Kandidat – einmal an der Macht – sie wieder enttäuschen wird. Wie soll man damit umgehen? Vielleicht am besten, indem man nicht an den idealen Menschen glaubt und vorsorglich effektive Kontrollmechanismen vorsieht. Spannend wäre es, den Gedanken auszudehnen und auf Nationen zu übertragen. Massen sich mächtige Staaten (und ihre Bürger) mehr Rechte an, als kleine, unbedeutende? Darauf gibt es wohl keine einfache und auch keine eindeutige Antwort. Sicher ist nur, dass die vorgeschlagene Kontrolle hier mangels übergeordneter mächtigeren Instanz nicht ganz so einfach ist.

Quelle: Zeit

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