Sprachen – Zeit- und zahlenlos aber glücklich in der Gegenwart leben
Während die Sprachwissenschaft gemeinhin von einer allen Sprachen gemeinsamen menschlichen Grundgrammatik ausgeht, scheint ein US-amerikanischer Sprachforscher und Ex-
Missionar Daniel Everett das Gegenteil zu beweisen. Dies, indem er jahrelang die
Sprache des isoliert lebenden brasilianischen Naturvolkes der Piraha studierte. Diese kennen weder Zahlwörter (nur wenig und viel) noch Zeiten, noch Nebensätze, noch Farbwörter. All diese Dinge sind für das Leben im Dschungel offensichtlich nicht zwingend notwendig, weshalb Everett davon ausgeht, dass sprachliche
Entwicklung vom Lebensraum und der gesellschaftlichen Organisation abhängt und nicht einer menschlichen Grundgrammatik folgt. Die Piraha leben ausserdem völlig in der konkreten Gegenwart. Mit der Vergangenheit oder der Zukunft halten sie sich nicht auf und sie glauben strikte nur was sie selber erleben oder was zumindest der Erzähler erlebt hat. Wenig erstaunlich, dass da Everett, der ja die Geschichte von Jesus nicht aus persönlicher Anschauung kennt, als Missionar einen etwas schweren Stand hatte. Ob solcher sturer Faktengläubigkeit und Objektivität geriet schlussendlich sogar der Glaube des Missionars in Bedrängnis. Übrig blieb der Linguist, eine neue Sichtweise auf die menschliche Sprache und das
Wissen, um eine einzigartige Kultur im Amazonasbecken, in der Menschen trotz oder gerade dank fehlender Vergangenheit und Zukunftbewusstsein wohl mindestens so zufrieden leben wie wir.
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