Dialekte – Die Schweiz als Sonderfall
Die Schweiz ist nicht nur in der
Politik – auch wenn da eher in der Fantasie bestimmter nicht vorwärtsgerichteter Parteien, als in der Realität – ein Sonderfall, sondern auch in Bezug auf ihre Sprachen. Einerseits hat man in der Romandie die Dialekte äusserst konsequent als hinterwäldlerisch und modernisierungsfeindlich bekämpft. Das Standardfranzösisch einigte die Welschen und half ihnen eine drohende “Verdeutschung” durch niedergelassene Deutschschweizer zu vermeiden. Die welschen Sprachmodernisierer waren so erfolgreich, dass das Patois in Rekordzeit und sogar noch schneller als im zentralistischen
Frankreich ausstarb – wie gesagt ein Sonderfall. In der
Deutschschweiz hingegen wurde der wacker fortschreitende Prozess der Übernahme der Standardsprache durch den Aufstieg der Nationalsozialisten jäh unterbrochen und rückgängig gemacht. Der Dialekt wirkte identitätsstiftend und hob die Schweizer von der kulturell und militärisch bedrohlichen Supermacht in Norden ab. Beide Fälle sind atypisch. Hier die sehr schnelle Übernahme der Standardsprache und die bis heute reichende Abneigung gegen Dialekte und da die grosse Betonung des Dialektes, der zudem nicht wie in anderen Sprachregionen üblich in private und ländliche Umgebung abgedrängt wurde, sondern in jüngster Zeit im Gegenteil sogar daran geht die Standardsprache zu bedrängen. Die tessiner Dialekte hingegen gingen den “üblichen” Weg, wurden durch die Alphabetisierung langsam ins Private abgedrängt und verlieren an Bedeutung.
Die genannten Gründe für die schweizerischen sprachlichen Eigenarten sind heute nicht mehr gegeben aber die Entwicklung hat sich verselbstständigt. Wie die jüngste westschweizer Dialektdebatte schön aufzeigt, werden Dialekte nach wie vor sehr unterschiedlich gewertet. Die Welschschweizer haben wenig Verständnis für das deutschschweizerische “dialektische” Beharrungsvermögen – wobei Unverständis in diesem Falle wörtlich und ideell gemeint ist. Die Deutschschweizer sehen den Dialekt immer häufiger als ihre eigentliche Sprache und reagieren ebenfalls recht verständnislos, wenn man ihn ihnen aus-reden möchte. Angesicht so viel Unverständnis – könnte man beinahe anfügen – können sich zum Glück alle Unverständigen und Unverständlichen auf Englisch unterhalten.
Quelle: Le temps
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