Al-Jazira – Hoffnungsträger auf Abwegen

Al-Jazira ist der bis anhin einzige unabhängige und kritische Medienkonzern, der die arabische Welt – im Gegensatz zu den staatlichen Propagandamaschinen – mit kritischen Nachrichten versorgt. Zu verdanken ist diese revolutionäre und für viele autoritäre Regimes bedrohliche Berichterstattung dem Emir von Qatar. Dieser lässt dem Sender freie Hand – zumindest solange er nicht allzu kritisch über ihn selbst berichtet. Der gute Ruf hat nun jüngst einen argen Dämpfer erlitten. Fünf bekannte Moderatorinnen haben gleichzeitig gekündigt, weil sie die zunehmend frauenfeindlichen Bekleidungsvorschriften und sonstigen Benachteiligungen nicht mehr akzeptieren wollen. Gemäss diesem Bericht gewinnt in Al-Jazira zunehmend eine islamistische, männerdominierte Linie an Einfluss, und zumindest der arabischen Ausgabe droht auch die Objektivität und Ausgewogenheit abhanden zu kommen. Möglicherweise sind die zunehmend strengeren Kleidervorschriften für den Abgang nicht entscheidend, wohl aber die ideologische und programmatische Neuausrichtung auf Männerthemen und der Krieg der Taliban und anderen radikalen Gruppen, mit denen der Sender beste Beziehungen pflegt. Israel oder auch die palästinensischen Behörden werden ignoriert oder allenfalls scharf kritisiert – die Hamas und andere extreme Gruppen werden hingegen ausführlich und weniger kritisch behandelt. Gemäss Berichten ist im Sender ein Kampf der Weltanschauungen im Gange. Dabei geht es im Wesentlichen um die Frage, ob das Medienhaus weiterhin professionnel, und unabhängig die arabische und englisch-sprachige Welt informieren soll, oder ob es zu einem Instrument islamistischer Gruppen wird und damit die Grundlagen seines Erfolges gefährdet. Der Emir wird sich möglicherweise bald einmal aus der Reserve begeben und sich festlegen müssen.

Der positive Einfluss von Al-Jazira auf die arabische Medienwelt und die Informiertheit der Araber kann gar nicht hoch genug geschätzt werden und es wäre ein äusserst bedauerlicher Rückschritt, wenn radikale Gruppen diesen Fortschritt rückgängig machen könnten. Die Kündigung der fünf Moderatorinnen ist ein Warnschuss, es bleibt zu hoffen, der Emir höre ihn.

Quelle: Le Monde

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